Vielleicht haben Sie schon mit fünf oder sechs Jahren angefangen, Ihr Instrument zu lernen. Seitdem haben Sie Tausende Stunden geübt. Sie haben jahrelang studiert, Meisterkurse besucht, an Wettbewerben teilgenommen und sich optimal auf genau diesen Moment vorbereitet.
Und jetzt ist er da.
Sie stehen auf einer großen internationalen Bühne. In den ersten Reihen sehen Sie zahlreiche Intendant:innen, Agent:innen und Veranstalter:innen – Menschen, die über Ihre nächsten Engagements entscheiden. Ein Livestream läuft. Eine Fernsehkamera ist auf Sie gerichtet.
Sie wissen, was Sie können.
Sie haben es unzählige Male beim Üben gezeigt. In den Proben war alles da.
Und in den letzten Sekunden vor dem Auftritt verändert sich etwas.
Das Herz schlägt schneller. Die Hände werden kalt oder feucht. Die Atmung verändert sich. Ihre Aufmerksamkeit wandert weg von der Musik und hin zu dem, was gerade in Ihrem Körper passiert.
Und im Kopf beginnt es:
„Jetzt musst du perfekt abliefern.“
Und plötzlich ist da genau das, was für viele professionelle Musiker:innen so schwer auszuhalten ist:
Sie wissen, dass Sie es können – aber in diesem entscheidenden Moment können Sie nicht mehr selbstverständlich darauf zugreifen.
Eine Sängerin beklagte letztens, dass sie in wichtigen Situationen nicht die Qualität bringen wie in einer Probe. Es sei noch so viel drin, was sie nicht zeigen könne.
Das ist der schmerzhafte Punkt:
Das Können ist da. Die Vorbereitung ist da. Die Erfahrung ist da.
Und trotzdem reagiert das gesamte System in diesem einen Moment anders.
Warum beginnt der Körper ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommt, Alarm zu schlagen? Warum kann ein Gedanke wie „Jetzt musst du perfekt abliefern“ innerhalb kürzester Zeit Herzschlag, Atmung und Konzentration verändern?
Und warum tritt Auftrittsangst gerade in den Situationen besonders stark auf, auf die man sich besonders intensiv vorbereitet hat?
Um das zu verstehen, müssen wir uns anschauen, was bei Auftrittsangst tatsächlich passiert – im Körper, in unseren Gedanken und häufig auch auf einer tieferen Ebene des Selbstwerts.
Was ist Auftrittsangst – und warum trifft sie Musiker:innen so oft?
Auftrittsangst – in der Fachliteratur als Music Performance Anxiety (MPA) bezeichnet – beschreibt eine ausgeprägte ängstliche Anspannung im Zusammenhang mit musikalischen Auftrittssituationen. Sie kann sich auf emotionaler, gedanklicher, körperlicher und verhaltensbezogener Ebene zeigen.
Dabei gibt es nicht die eine Form von Auftrittsangst.
Für die eine Musikerin ist das Probespiel besonders problematisch. Bei dem anderen sind es bestimmte Personen, die in der Probe oder Vorstellung sitzen. Eine dritte erlebt eine Fernsehkamera oder einen Livestream als Bedrohung. Wieder andere kommen mit dem Auftritt selbst gut zurecht, aber kaum mit dem langen Warten vor dem Einsatz.
Bei Sänger:innen kann sich die Situation noch einmal anders darstellen, weil die Stimme so unmittelbar auf körperliche Veränderungen reagiert. Der Mund wird trocken, die Atmung flach, der Hals wird eng und die Stimme verliert ihre Strahlkraft.
Auftrittsangst hängt also nicht zwangsläufig an der Größe einer Bühne oder der Zahl der Menschen im Publikum.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Denn sonst müsste eine Musiker, die vor 2.000 Menschen spielen kann, automatisch auch bei einem Probespiel gelassen bleiben. Genau das erlebe ich in meiner Arbeit aber nicht. Manchmal ist das große Konzert kein Problem – und die Anwesenheit einer einzigen Person verändert alles.
Warum?
Entscheidend ist nicht allein die Situation. Entscheidend ist auch, wie unser Gehirn diese Situation bewertet.
Und genau hier kommt der professionelle Musikbetrieb ins Spiel.
Viele Musiker beginnen bereits als kleine Kinder mit ihrem Instrument. Sie lernen früh, genau hinzuhören, sich zu korrigieren und ihre Leistung immer weiter zu verfeinern. Später kommen Aufnahmeprüfungen, Wettbewerbe, Meisterkurse, Probespiele, Vorsingen, Rezensionen und die ständige Bewertung durch Lehrende, Jurys, Intendant, Agent, Veranstalter und Publikum hinzu.
Gleichzeitig ist Musik etwas sehr Persönliches.
Wer auf einer Bühne steht, präsentiert nicht irgendein Arbeitsergebnis, das am Schreibtisch entstanden ist. Die eigene Wahrnehmung, der eigene Körper, die musikalische Persönlichkeit und viele Jahre Ausbildung sind unmittelbar beteiligt.
Und häufig hängt tatsächlich etwas von diesem einen Moment ab: ein Engagement, eine Rolle, eine Orchesterstelle, die nächste Einladung oder ein wichtiger Karriereschritt.
All das kann dazu beitragen, dass eine Auftrittssituation eine sehr hohe Bedeutung bekommt.
Aber auch dann reagieren zwei Musiker in derselben Situation nicht zwangsläufig gleich.
Für die eine Person bedeutet der erhöhte Herzschlag vor dem Konzert vielleicht einfach, dass es gleich losgeht und der Körper bereit ist. Eine andere nimmt dieselbe körperliche Reaktion bereits als Warnsignal wahr und befürchtet, dass die Auftrittsangst wieder beginnt.
Kommt gleichzeitig der Gedanke hinzu, dass dies vielleicht die eine entscheidende Chance ist und jetzt alles perfekt gelingen muss, kann aus einer anspruchsvollen Situation sehr schnell eine gefühlte Bedrohung werden.
Was dann innerhalb kürzester Zeit im Körper passiert, ist keine Einbildung. Es ist eine reale Stressreaktion.
Was passiert im Körper?
Unser Gehirn bewertet fortlaufend, ob eine Situation sicher, herausfordernd oder bedrohlich ist. Bei einem Auftritt kann diese Einschätzung innerhalb kürzester Zeit erfolgen.
Wird eine Situation als bedeutsam oder bedrohlich bewertet, reagiert der Körper unter anderem über das sympathische Nervensystem. Stressbotenstoffe wie Adrenalin und Noradrenalin werden freigesetzt. Herz und Kreislauf reagieren, die Muskulatur wird aktiviert, die Atmung kann sich verändern. Bei ausgeprägteren Stressreaktionen kann außerdem die sogenannte HPA-Achse beteiligt sein, an deren Ende unter anderem Cortisol ausgeschüttet wird.
Der Körper macht damit zunächst nichts „falsch“.
Er bereitet uns auf eine Herausforderung vor.
In Stressmodellen zur musikalischen Auftrittsangst wird entsprechend unterschieden, ob eine Situation eher als bewältigbare Herausforderung oder als Bedrohung erlebt wird.
Zwei Musiker können deshalb vor demselben Konzert einen deutlich erhöhten Puls haben.
Für die eine Person bedeutet das: Der Körper ist aktiviert und bereit.
Für die andere kann allein die Wahrnehmung des Herzschlags zum nächsten Alarmsignal werden.
Und damit beginnt der Kreislauf.
Der Angstkreislauf: Wenn die Angst vor der Angst beginnt
Ein wichtiger Auftritt steht bevor.
Vielleicht ist es genau das Probespiel, auf das Sie monatelang hingearbeitet haben.
Der Gedanke taucht auf:
„Jetzt musst du perfekt abliefern.“
Der Körper reagiert. Das Herz schlägt schneller, die Muskelspannung steigt, die Atmung verändert sich.
Sie bemerken diese Reaktion.
Und nun bekommt die körperliche Aktivierung eine Bedeutung:
Was ist, wenn ich mich gleich nicht mehr auf meinen Körper verlassen kann?
Die Situation erscheint noch bedrohlicher. Die Angst steigt – und damit möglicherweise wiederum die körperliche Aktivierung.
Vereinfacht sieht der Angstkreislauf so aus:
Gedanke → körperliche Aktivierung → Wahrnehmung der Aktivierung → bedrohliche Bewertung → stärkere Aktivierung
Nun ist nicht mehr nur der Auftritt der Auslöser.
Die Angst selbst wird zum Auslöser von Angst.
Wer diesen Kreislauf mehrfach erlebt hat, braucht irgendwann möglicherweise noch nicht einmal auf der Bühne zu stehen. Schon die Erwartung des nächsten wichtigen Auftritts kann das System aktivieren.
Das ist die sogenannte Angst vor der Angst.
Welche Rolle spielen Gedanken und Selbstwert?
Die spannende Frage lautet nun: Warum wird eine Situation von einer Person als Herausforderung erlebt und von einer anderen als Bedrohung?
Dabei spielt die Bedeutung eine wichtige Rolle, die wir einer Situation geben.
Wenn ein Probespiel innerlich nicht nur bedeutet:
Heute spiele ich vor einer Jury.
sondern:
Heute entscheidet sich, ob ich gut genug bin,
steht gefühlt sehr viel mehr auf dem Spiel.
Dann können Gedanken auftauchen wie:
„Meine Karriere steht auf dem Spiel.“
„Kann ich das überhaupt? Bin ich ein Hochstapler?“
Das Hochstapler-Syndrom, auch Impostor-Syndrom genannt, beschreibt ein Erleben, bei dem Menschen trotz objektiver Erfolge an der eigenen Kompetenz zweifeln und befürchten, irgendwann als vermeintliche Hochstapler „entlarvt“ zu werden.
Gerade in einem Beruf, in dem die eigene Leistung immer wieder öffentlich bewertet wird, kann das zusätzlichen Druck erzeugen.
Und darunter kann ein Satz liegen, den ich in meiner Arbeit mit Musiker immer wieder höre:
„Ich bin nicht gut genug.“
Dieser Satz muss im Alltag gar nicht bewusst sein.
In einer Situation, in der viel auf dem Spiel zu stehen scheint, kann er jedoch sehr schnell aktiviert werden.
Dann geht es nicht mehr nur um die musikalische Leistung.
Es geht um den eigenen Wert.
Und genau deshalb spielt der Selbstwert in meiner Arbeit mit Auftrittsangst eine so zentrale Rolle.
Körperliche und psychische Symptome (mit Selbst-Check-Liste)
Doch zunächst zu den Symptomen: Auftrittsangst kann sich sehr unterschiedlich zeigen.
Typische körperliche Reaktionen können sein:
- Herzklopfen oder beschleunigter Puls
- Zittern
- Schwitzen
- trockener Mund
- veränderte Atmung
- Muskelanspannung
- Unruhe im Bauch
- Schwindel oder Benommenheit
Auf der gedanklichen und emotionalen Ebene können beispielsweise auftreten:
- starke Selbstbeobachtung
- Konzentrationsprobleme
- Blackout-Gefühl
- Versagensangst
- Angst vor negativer Bewertung
- Scham
- ausgeprägte Selbstzweifel
- Hochstapler-Gedanken
- der Wunsch, die Situation zu vermeiden
Für professionelle Musiker:innen sind gerade körperliche Veränderungen besonders belastend.
Denn der Körper ist kein Nebenschauplatz.
Er ist unmittelbar am Musizieren beteiligt.
Wenn die Hand zittert, die Muskulatur sich verändert oder die Atmung nicht mehr frei fließt, kann das unmittelbar Einfluss auf die musikalische Leistung haben.
„Ich kann mich nicht mehr auf meine Stimme verlassen. Es ist eine Katastrophe. Ich kriege keine Luft. Mein Mund ist voll mit Kreide.“
Das Symptom bekommt damit sofort noch mehr Aufmerksamkeit – und genau das kann den beschriebenen Angstkreislauf weiter antreiben.
Deshalb finde ich es hilfreicher, nicht nur einzelne Symptome abzuhaken, sondern den eigenen Ablauf kennenzulernen.
Selbst-Check: Wie sieht Ihr persönlicher Angstkreislauf aus?
Denken Sie an einen konkreten Auftritt, ein Vorsingen oder ein Probespiel, bei dem die Angst besonders stark war.
1. Was war die Situation?
Wer saß im Publikum? Was hing für Sie von diesem Auftritt ab? Gab es eine Kamera oder einen Livestream? Ging es um ein Engagement, eine Rolle, ein Probespiel oder einen Wettbewerb?
2. Welcher Gedanke war zuerst da?
Was haben Sie in diesem Moment tatsächlich zu sich gesagt?
3. Was passierte daraufhin in Ihrem Körper?
Was bemerkten Sie zuerst – Herz, Hände, Atmung, Bauch, Stimme oder Muskelspannung?
4. Wie haben Sie diese körperliche Reaktion bewertet?
War sie unangenehm – oder wurde sie in diesem Moment zu einem Zeichen dafür, dass gleich etwas schiefgehen könnte?
5. Was war Ihre eigentliche Befürchtung?
Ein Fehler? Kritik? Eine Absage? Nicht wieder eingeladen zu werden? Eine berufliche Chance zu verlieren?
Und schließlich:
6. Was würde es über Sie bedeuten, wenn genau das passiert?
Wenn Sie bei dieser letzten Frage merken, dass es plötzlich nicht mehr nur um einen falschen Ton, ein misslungenes Probespiel oder eine negative Bewertung geht, sondern um die Frage, was all das über Sie als Person aussagt, sind Sie an einem wichtigen Punkt angekommen.
Dann lohnt es sich, den Selbstwert mit in den Blick zu nehmen.
Die häufigsten Auslöser im Musikberuf
Auftrittsangst entsteht selten aus einem einzigen Grund. Häufig kommen verschiedene Faktoren zusammen.
Hohe Ansprüche und Perfektionismus
Musiker:innen hören genau hin. Das müssen sie.
Intonation, Rhythmus, Artikulation, Klangfarbe und Zusammenspiel – professionelle Qualität entsteht gerade dadurch, dass feinste Unterschiede wahrgenommen werden.
Die Kehrseite dieser geschulten Wahrnehmung: Der Blick kann sich immer stärker auf kleinste Abweichungen richten. Aus dem Wunsch, sehr gut zu spielen, kann eine innere Forderung werden, die unerfüllbar wird und Druck macht.
Fehlerfokussiertheit: Wir lernen früh, das zu hören, was noch nicht stimmt
Denken Sie an Instrumentalunterricht.
Sie spielen etwas vor. Anschließend geht es weiter:
Hier stimmt die Intonation noch nicht. Dort könnte die Artikulation präziser sein. Die Phrase braucht mehr Richtung. Der Übergang funktioniert noch nicht. Bitte noch einmal.
Das ist zunächst vollkommen nachvollziehbar. Unterricht soll Entwicklung ermöglichen.
Aber kaum eine Lehrperson wird nach einer Stunde sagen:
Das war jetzt so wunderbar, Sie brauchen die nächsten drei Wochen nicht zu üben.
Musike:innen lernen häufig schon seit ihrer Kindheit, den Fokus auf das zu lenken, was verbesserbar ist.
Das ist eine enorme professionelle Fähigkeit.
Doch sie kann eine Schattenseite bekommen:
Der Blick sucht automatisch nach dem, was noch nicht stimmt.
Nach einem ansonsten hervorragenden Konzert bleibt möglicherweise genau diese eine Stelle im Kopf.
Warum habe ich da diesen Fehler gemacht?
Das hätte besser sein müssen.
Und irgendwann richtet sich dieser Blick möglicherweise nicht mehr nur auf die Musik.
Sondern auf die eigene Person.
Aus:
Da war ein Fehler.
kann werden:
Mit mir stimmt etwas nicht.
Das Erste beschreibt eine musikalische Situation.
Das Zweite trifft den Selbstwert.
Negative Erfahrungen
Ein Blackout, ein missglücktes Probespiel, eine verletzende Kritik oder eine beschämende Unterrichtssituation können lange nachwirken.
Besonders schwierig kann es werden, wenn mehrere Rückschläge aufeinanderfolgen. Wer früher selbstverständlich darauf vertraut hat, eine Situation bewältigen zu können, kann nach wiederholten negativen Erfahrungen zunehmend ins Zweifeln geraten.
Beim nächsten wichtigen Auftritt steht dann nicht nur dieser eine Moment im Raum.
Die früheren Erfahrungen wirken mit.
Vergleich und Bewertung
Der professionelle Musikbetrieb enthält viele Situationen des Vergleichs.
Wer bekommt den Platz im Opernstudio. Wer gewinnt das Probespiel? Wer wird eingeladen? Wer bekommt das nächste Engagement?
Damit kann der Blick sehr schnell von der eigenen musikalischen Aufgabe zu den anderen wandern.
Und wenn der Selbstwert stark an Leistung gekoppelt ist, wird aus einem beruflichen Vergleich leicht ein Urteil über die eigene Person.
Glaubenssätze und innere Programme
Unter all diesen Gedanken können Überzeugungen liegen, die schon sehr lange vorhanden sind:
Ich muss leisten, um anerkannt zu werden.
Ich darf keine Schwäche zeigen.
Ich muss beweisen, dass ich meinen Platz verdient habe.
Solche Überzeugungen wirken häufig sehr viel tiefer als ein einzelner Gedanke vor dem Auftritt. Und sie lassen sich nicht einfach dadurch verändern, dass wir ihnen einen positiven Satz entgegensetzen.
Welche Rolle dabei die innere Stimmigkeit und der Selbstwert spielen, darauf komme ich beim PEP®-Selbstwerttraining noch einmal zurück.
Was kurzfristig helfen kann – und was nicht
Wenn ein wichtiges Konzert, Vorsingen oder Probespiel unmittelbar bevorsteht, brauchen Sie zunächst etwas, das Sie in diesem Moment unterstützt.
Und hier lohnt es sich, einige der gut gemeinten Ratschläge kritisch anzuschauen, die Musiker:innen seit Generationen hören.
„Du brauchst doch keine Angst zu haben“
Der Satz ist gut gemeint.
Aber Ihr Nervensystem hat gerade offenbar eine andere Einschätzung.
Angst lässt sich nicht einfach wegargumentieren.
Im ungünstigsten Fall entsteht sogar zusätzlicher Druck:
Eigentlich dürfte ich gar nicht so nervös sein.
„Denk einfach nicht daran“
Auch das funktioniert häufig nicht.
Wenn Sie versuchen, auf keinen Fall an die schwierige Stelle oder einen möglichen Fehler zu denken, kann genau dieser Gedanke noch präsenter werden.
„Stell dir das Publikum einfach ohne Kleidung vor“
Auch dieser Klassiker hält sich erstaunlich hartnäckig.
Vielleicht lenkt das Bild einen Moment ab. In der Regel hat ein Angstgehirn jedoch gar keine Kapazitäten mehr für noch einen Gedanken. Und er verändert weder den Angstkreislauf noch die darunterliegenden Bewertungen.
„Atme einfach ganz tief ein“
Auch diese Empfehlung ist nicht für alle Menschen gleichermaßen hilfreich.
Angst verändert häufig bereits die Atmung. Besonders forciertes oder sehr tiefes Atmen kann bei manchen Menschen zusätzliche unangenehme Körperempfindungen hervorrufen.
Hilfreicher kann es sein, zunächst wahrzunehmen, wie Sie gerade atmen, und die Atmung nicht zu einer weiteren Aufgabe zu machen, die nun ebenfalls perfekt erledigt werden muss.
Denn sonst entsteht schnell zusätzlicher Druck:
Ich muss mich jetzt beruhigen.
Warum funktioniert das nicht?
Und schon ist ein weiteres Problem hinzugekommen.
Die Aufmerksamkeit wieder zur Musik bringen
Auftrittsangst zieht die Aufmerksamkeit häufig nach innen.
Was macht meine Hand?
Wie atme ich?
Merkt man mir die Anspannung an?
Hilfreich kann es sein, die Aufmerksamkeit bewusst wieder auf die musikalische Aufgabe zu richten.
Wie klingt der Raum?
Was höre ich von meinen Kolleg:innen?
Wo führt die Phrase hin?
Welche Klangfarbe möchte ich erzeugen?
Nicht mit dem Anspruch, die Angst unbedingt wegzubekommen.
Sondern um wieder Kontakt zu dem aufzunehmen, weshalb Sie auf der Bühne stehen:
zur Musik.
Auch ein realistischer innerer Satz kann unterstützen:
Ich darf aufgeregt sein und trotzdem spielen.
Ich muss mich nicht vollkommen ruhig fühlen, um musikalisch präsent zu sein.
Entscheidend ist, dass ein solcher Satz für Sie glaubwürdig ist. Denn gegen einen Gedanken, bei dem sich innerlich sofort alles sträubt, lässt sich nur schwer anreden.
Kurzfristige Strategien können in einer konkreten Auftrittssituation unterstützen. Wenn die Auftrittsangst jedoch immer wiederkehrt, lohnt sich ein genauerer Blick: Was bringt den Angstkreislauf bei Ihnen überhaupt in Gang – und was hält ihn aufrecht?
Damit sind wir nicht mehr nur bei der Frage: Was kann ich unmittelbar vor dem Auftritt tun?
Sondern bei der Frage: Wo kann ich ansetzen, damit sich mein Umgang mit der Auftrittsangst grundsätzlich verändern kann?
Und genau hier setzt für mich die Arbeit mit PEP® an.
Langfristige Ansätze: Wenn Auftrittsangst tiefer sitzt
Wer sich intensiver mit Auftrittsangst beschäftigt, stößt bei der Recherche schnell auf PEP® – die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie nach Dr. Michael Bohne.
PEP® verbindet körperbezogene beziehungsweise bifokal-multisensorische Interventionen mit der Arbeit an Gedanken, Emotionen, inneren Konflikten und Selbstwertthemen. Zum Konzept gehören unter anderem die Klopftechnik, die Big Five Lösungsblockaden, der Kognitions-Kongruenz-Test (KKT) und das Selbstwerttraining.
Für meine Arbeit mit Auftrittsangst ist diese Kombination besonders interessant, weil sie an unterschiedlichen Stellen des beschriebenen Kreislaufs ansetzen kann.
Das Klopfen: Wenn das Arousal steigt
Wenn der Körper bereits stark aktiviert ist, hilft es häufig wenig, nur auf der Verstandesebene zu argumentieren.
Sie können genau wissen:
Ich bin optimal vorbereitet.
Und trotzdem schlägt das Herz und die Knie zittern.
Bei PEP® wird deshalb der Körper in die Emotionsregulation einbezogen. Das Klopfen gehört zu den bifokal-multisensorischen Interventionen der Methode.
Für mich ist dabei ein Aspekt besonders wichtig:
Ich kann etwas tun.
Das macht einen Unterschied zu:
Hoffentlich kommt die Angst heute nicht.
Wenn man weiß, dass es eine Möglichkeit gibt, mit dem steigenden Arousal umzugehen, kann sich auch der Umgang mit der "Angst vor der Angst" verändern.
Die körperliche Reaktion bedeutet dann nicht automatisch:
Jetzt bin ich ihr ausgeliefert.
Die Big Five: Was hält das Problem möglicherweise fest?
Manchmal lässt sich die körperliche Aktivierung regulieren – und trotzdem bleibt etwas bestehen.
Dann stellt sich die Frage:
Was steht einer Veränderung möglicherweise im Weg?
PEP® beschreibt hierfür die sogenannten Big Five Lösungsblockaden:
- Selbstvorwürfe
- Vorwürfe gegenüber anderen
- Erwartungen an andere
- Altersregression beziehungsweise „inneres Schrumpfen“
- parafunktionale Loyalitäten
Ein Beispiel: Eine erfahrene Sängerin trifft auf eine Regisseurin und gerät in Konflikt. Sie findet keine richtigen Worte, geschweige denn kann sie ihre eigene Sichtweise angemessen kommunizieren. Sie spürt, wie sie vor dieser Person plötzlich innerlich „schrumpft“. Obwohl sie fachlich auf Augenhöhe ist, fühlt sie sich in diesem Moment klein und unsicher.
Solche Lösungsblockaden sind nicht immer sofort erkennbar. Auf der bewussten Ebene kann völlig klar sein, was man möchte – und trotzdem scheint innerlich etwas dagegenzuarbeiten.
Der Kognitions-Kongruenz-Test: Wo springt die innere Ampel auf Rot?
Ein Instrument, das ich in meiner Arbeit besonders gerne nutze, ist der Kognitions-Kongruenz-Test, kurz KKT.
Damit können Lösungsblockaden sichtbar werden, die auf der bewussten Ebene zunächst gar nicht auffallen.
Ich beschreibe das meinen Klient:innen gerne mit dem Bild einer Ampel.
Bei manchen Aussagen ist innerlich alles grün.
Und bei anderen springt plötzlich etwas auf Rot.
Nehmen wir diesen Testsatz:
"Ich habe es verdient, mich mit Freude auf der Bühne zu zeigen".
Auf der bewussten Ebene klingt das vielleicht vollkommen richtig.
Aber vielleicht melden sich dann solche Stimmen:
Ich habe Angst davor zu scheitern.
Warum denkst du, du bist gut genug?
Bin ich nicht nicht zu alt?
Genau diese roten Ampeln sind interessant.
Denn plötzlich wird etwas sichtbar, das vorher im Hintergrund gearbeitet hat.
Was wir erkennen und verstehen, können wir anders betrachten und bearbeiten.
Selbstwerttraining: Wenn Leistung und eigener Wert miteinander verschmelzen
Damit kommen wir zu einem Satz zurück, der sich durch viele Gespräche mit Musiker zieht:
„Ich bin nicht gut genug.“
Manchmal kommt er ganz offen.
Manchmal versteckt er sich hinter Perfektionismus, Hochstapler-Gedanken, Selbstvorwürfen oder der Angst vor Bewertung.
Das Interessante ist: Eine Musiker kann auf der rationalen Ebene sehr genau wissen, dass dieser Gedanke nicht die Wahrheit ist.
Und trotzdem fühlt er sich in manchen Momenten wahr an.
Genau deshalb geht es in der Selbstwertarbeit nicht um simples positives Denken.
Wenn ein Mensch überzeugt ist:
Ich genüge nicht,
hilft es wenig, daraus einfach
Ich bin fantastisch
zu machen.
Das innere System antwortet möglicherweise sofort:
Das stimmt doch überhaupt nicht.
Deshalb arbeite ich hier sehr fein mit Sprache.
Ein neuer Satz muss nicht maximal positiv sein.
Er muss stimmig sein.
Zum Beispiel:
Auch wenn heute nicht alles gelingt, möchte ich respektvoll mit mir umgehen.
Oder:
Mein Wert als Mensch hängt nicht davon ab, ob dieses Probespiel gelingt.
Oder:
Ich darf zeigen, was heute möglich ist, ohne damit meinen Wert beweisen zu müssen.
Welche Formulierung passt, ist sehr individuell.
Entscheidend ist die Unterscheidung:
Ich kann einen Fehler machen, ohne ein Fehler zu sein.
Auftrittsangst verstehen statt nur bekämpfen
Vielleicht geht es bei Ihrer Auftrittsangst vor allem um körperliches Arousal.
Vielleicht um Perfektionismus und Fehlerfokussiertheit.
Vielleicht um eine frühere negative Erfahrung.
Vielleicht um die Angst vor Bewertung oder Hochstapler-Gedanken.
Vielleicht um den Selbstwert.
Oder um mehrere dieser Dinge gleichzeitig.
Deshalb gibt es aus meiner Sicht kein Standardrezept gegen Auftrittsangst.
Entscheidend ist zunächst zu verstehen:
Was passiert bei Ihnen?
Wo beginnt Ihr persönlicher Angstkreislauf?
Was bringt Ihr System in Alarm?
Welche Gedanken verstärken ihn?
Und was liegt möglicherweise darunter?
Ein Auftrittscoaching kann einen geschützten Raum bieten, diese Zusammenhänge zu verstehen und individuelle Möglichkeiten im Umgang damit zu entwickeln.
Wenn Ängste weit über Auftrittssituationen hinausgehen, den Alltag deutlich beeinträchtigen oder weitere psychische Belastungen hinzukommen, kann eine psychotherapeutische Abklärung sinnvoll sein.
FAQ – Häufige Fragen zu Auftrittsangst
Ist Lampenfieber dasselbe wie Auftrittsangst?
Die Begriffe werden häufig synonym verwendet, auch in der Fachliteratur sind die Abgrenzungen nicht einheitlich. Lampenfieber bezeichnet häufig die unmittelbar mit einem Auftritt verbundene Anspannung oder Nervosität und muss nicht grundsätzlich problematisch sein. Music Performance Anxiety beziehungsweise Auftrittsangst kann dagegen auch lange vor dem eigentlichen Auftritt einsetzen und in unterschiedlichen musikalischen Leistungssituationen auftreten – etwa bei einem Probespiel, Vorsingen oder einer Bewertungssituation.
Was hilft gegen Auftrittsangst bei Musiker:innen?
Das hängt davon ab, was die Auftrittsangst auslöst und aufrechterhält. Kurzfristig können körperliche Regulation und Aufmerksamkeitssteuerung unterstützen. Liegen Selbstwertthemen, belastende Glaubenssätze oder innere Konflikte darunter, kann es sinnvoll sein, auch diese Ebenen einzubeziehen. In meiner Arbeit nutze ich dafür unter anderem PEP®.
Kann Klopfen bei Lampenfieber helfen?
Klopfen ist ein Bestandteil von PEP® und wird dort zur Emotionsregulation eingesetzt. PEP® umfasst darüber hinaus unter anderem die Big Five Lösungsblockaden, den Kognitions-Kongruenz-Test und Selbstwertarbeit. Welcher Ansatz sinnvoll sein kann, hängt von der individuellen Situation und den zugrunde liegenden Faktoren ab.
Warum habe ich Auftrittsangst, obwohl ich gut vorbereitet bin?
Weil Auftrittsangst nicht zwangsläufig etwas über den Grad Ihrer Vorbereitung aussagt. Sie können musikalisch hervorragend vorbereitet sein – und Ihr Gehirn bewertet die konkrete Situation trotzdem als Bedrohung.
In meiner langjährigen Arbeit als Künstleragentin habe ich außerdem erlebt, dass Auftrittsangst auch erst im Laufe einer erfolgreichen Karriere entstehen kann. Mit wachsender Sichtbarkeit kann sich die wahrgenommene Fallhöhe verändern: Plötzlich geht es um ein wichtiges Debüt, die nächste internationale Einladung, einen Livestream oder darum, einem inzwischen hohen Erwartungsdruck gerecht zu werden.
Entscheidend ist also nicht nur, wie gut Sie vorbereitet sind, sondern welche Bedeutung die konkrete Situation für Sie bekommen hat.
Helfen Betablocker gegen Lampenfieber?
Betablocker werden im Zusammenhang mit Lampenfieber und Auftrittsangst immer wieder thematisiert. Ob eine medikamentöse Behandlung im individuellen Fall medizinisch sinnvoll und vertretbar ist, gehört in ärztliche Hände. Deshalb gebe ich hierzu in meiner Arbeit keine Empfehlung.
Bei Auftrittsangst konzentriere ich mich auf die psychologischen Zusammenhänge: Was löst die Angst aus, was hält sie aufrecht und welche Rolle spielen dabei körperliche Aktivierung, Gedanken und Selbstwert?
Wie lange dauert es, Auftrittsangst zu überwinden?
Dafür gibt es keine allgemeingültige Zeitangabe. Auftrittsangst kann unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen haben. Entscheidend ist zunächst zu verstehen, welche körperlichen Reaktionen, Gedanken, Erfahrungen und inneren Muster bei der jeweiligen Person eine Rolle spielen. Pauschale Versprechen über Dauer oder Ergebnis sind deshalb nicht sinnvoll.
FAZIT
Unser Gehirn ist neuroplastisch. Es verändert sich durch Lernen und durch neue Erfahrungen – und diese Fähigkeit bleibt auch im Erwachsenenalter erhalten.
Das ist im Zusammenhang mit Auftrittsangst ein wichtiger Gedanke. Denn Reaktionsmuster, die sich über viele Jahre entwickelt und gefestigt haben, müssen nicht unveränderlich bleiben. Neue Erfahrungen können dazu beitragen, dass vertraute Situationen anders erlebt und bewertet werden.
Es geht also nicht darum, nie wieder aufgeregt zu sein. Sondern darum, neue Erfahrungen zu ermöglichen und neue Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln.
Damit auf der Bühne wieder mehr von dem zur Verfügung stehen kann, was alles da ist: Ihr Können und Ihre Musik.
Wenn Auftrittsangst Ihr Berufsleben beeinflusst, kann ein unverbindliches Erstgespräch ein guter erster Schritt sein.
QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN
Dr. Michael Bohne – verschiedene Publikationen
Twitchell, A. J., Journault, A.-A., Singh, K. K. & Jamieson, J. P. (2025): A review of music performance anxiety in the lens of stress models. Frontiers in Psychology, 16.
Fernholz et al. (2019): Performance anxiety in professional musicians: a systematic review on prevalence, risk factors and clinical treatment effects. Psychological Medicine.
Kinney et al. (2025): Therapeutic Interventions for Music Performance Anxiety: A Systematic Review and Narrative Synthesis. Behavioral Sciences.



